Wie wird alte Musik heute nutzbar gemacht?

Interview mit Dr. Armin Raab zu seiner Arbeit als wissenschaftlicher Leiter des Haydn-Institut und der Herausgabe der Schöpfung

Das Herausgeben einer Gesamtausgabe eines Komponisten ist ein langjähriger Prozess. Was macht grundsätzlich Ihre Arbeit als Leiter der Haydn-Gesamtausgabe aus?

 

Raab: „Ich bin im Grunde genommen nicht Leiter der Haydn-Gesamtausgabe, sondern Leiter des Haydn-Instituts. So müsste man es eigentlich sagen, aber da die Hauptaufgabe des Instituts ja im Augenblick die Herausgabe dieser Gesamtausgabe ist, bin ich Editionsleiter der Gesamtausgabe. Wir machen es so, dass alles, was jemand fertig stellt, von jemand anderem nochmal gegengelesen wird. So bin ich dafür zuständig, die Manuskripte aller Kollegen, die einen Band fertig haben, zu lesen. Umgekehrt, wenn ich einen Band fertig habe, arbeitet ihn einer der Kollegen durch. Wir haben auch eine Reihe von externen Herausgebern und da teilen wir uns im Institut dann auf, sodass wir die Arbeiten noch einmal durchschauen. Aber darüber hinaus fühle ich mich dafür zuständig eine gewisse Einheitlichkeit in die Ausgabe hineinzubringen. Das ist bei Musikergesamtausgaben immer ein Problem, weil sie über einen großen Zeitraum laufen [der erste Band der Haydn-Gesamtausgabe erschien bereits 1958!], sodass sich die Ausgaben im Laufe ändern. Man macht es zehn Jahre später nicht mehr so wie vorher. Da war mir immer daran gelegen, dass es in der Haydn-Gesamtausgabe möglichst wenig grobe Umbrüche gibt."

Auf dem Konzert des Collegium musicum instrumentale wird die Einleitung des berühmten Oratoriums „Die Schöpfung“ gespielt. Wie bewerten Sie das Stück aus Ihrer Sicht?

  Raab: „Da ich Die Jahreszeiten [Haydns letztes der vier Oratorien] herausgegeben habe, lagen sie mir persönlich erstmal näher als Die Schöpfung. Zur Stellung des Stückes in Haydns Gesamtwerk: Das Interessante ist ja, dass Haydn zu dieser Zeit schon der berühmteste Komponist Europas war und in London große Erfolge hatte. Eigentlich könnte man sagen, sein Lebenswerk war schon abgeschlossen. Und plötzlich kommt nochmal so etwas wie Die Schöpfung. Sie war im Musikleben der Zeit eine Sensation. Sie ist ja auch innerhalb weniger Jahre in ganz Europa aufgeführt und verbreitet worden – wie ein Jahr später auch Die Jahreszeiten. Eine Steigerung im Leben eines Komponisten, von dem eine Steigerung gar nicht mehr hätte erwartet werden müssen. Die Schöpfung ist ein großes Stück mit tollen Momenten. Die Jahreszeiten sollten trotzdem nicht im Schatten des Werkes stehen. Zu diesem Dasein im Schatten führte das Missverständnis, dass die Schöpfung ein biblisches und Die Jahreszeiten ein weltliches Oratorium seien. Beide Stücke sind allerdings religiöse Werke, nur sind jeweils andere Aspekte im Vordergrund. Das erste Buch Gottes ist die Bibel und das zweite die Natur. Nach dem Glauben im 18. Jahrhundert schloss man aus der Naturbetrachtung auf die Existenz Gottes und seines Werkes. Dies zeigen Die Jahreszeiten mit der allegorischen Bedeutung der Natur im Gegensatz zur offensichtlichen Bedeutung in der Schöpfung.“

 Gab es Besonderheiten beim Herausgeben der Schöpfung?

 Raab: „Eine editorische Besonderheit ist, dass es kein Werk von Haydn gibt, bei dem wir so viele ausführliche Skizzen haben wie zur Schöpfung. Er hat viel skizziert, jedoch sind zu den meisten Stücken viele Skizzen nicht erhalten. Ein großes Problem in der Arbeit an der Haydn-Gesamtausgabe gab es allerdings auch beim Herausgeben der Schöpfung: Es gab kein Autograph [eine eigenhändige Niederschrift des Komponisten]. Die Autographe befanden sich im Besitz von Gottfried van Swieten, der auch die Libretti zur Schöpfung und den Jahreszeiten geschrieben hat. Als er gestorben ist, waren die Autographe der beiden Stücke schon nicht mehr in seinem Besitz und man weiß bis heute nicht, wo sie hingekommen sind. Es besteht im Moment leider auch wenig Hoffnung, dass sie noch einmal auftauchen werden. Nun gab es bei der Schöpfung die Frage, was wir als Hauptquelle dem Stück zugrunde legen. Da hatten wir das Glück, dass es eine von Haydn selbst gestaltete Originalausgabe gibt. Auch die originale Stichvorlage, die Haydn für seine Kopisten hat einrichten lassen, ist noch vorhanden. Die Herausgeberin Annette Oppermann hat in ihrer Veröffentlichung 2008 als wichtige Nebenquelle außerdem noch das Aufführungsmaterial hinzugezogen, das Haydn selbst verwendet hat und das sich heute in der Wien-Bibliothek im Rathaus befindet. Darin gibt es viele eigenhändige Eintragungen Haydns und es stellt einen von der Stichvorlage zusätzlich unabhängigen Überlieferungsstand dar. Es gibt in diesen Stimmen wiederum aber eine ganze Reihe von Problemen. 


Wir stellen es uns heute oft so vor, dass Haydn seine Werke in kleiner Besetzung aufgeführt hat. Das trifft für die Sinfonien natürlich zu, aber nicht für die späten Oratorien, die laut Haydn nur für große Besetzung geschrieben wurden und nur dort Wirkung machen. Wir wissen, dass Haydn Die Schöpfung und Die Jahreszeiten mit bis zu 200 Mitwirkenden aufgeführt hat. Davon war aber nur der geringere Teil der Chor – vielleicht 80 Leute – und der größere Teil das Orchester. Haydn besetzte die Holzbläser bei der letzten großen Aufführung im Hofburgtheater [Wien] sogar dreifach. Es gibt eine Edition, die bei der Oxford University Press vor etlichen Jahren erschienen ist; dort hat der Herausgeber Peter Brown versucht, das Aufführungsmaterial in die Edition zu übernehmen. Frau Oppermann ist bei uns damals aber berechtigterweise zu dem Entschluss gekommen, dass sich die Übernahme so nicht aus den Quellen ableiten lässt: Die Besetzungen waren auf die Aufführungssituationen [der einzelnen Spielorte] zugeschnitten und lagen nicht auf allgemeiner Werkebene: Hätte Haydn das Stück woanders aufgeführt, hätte er es auch wieder anders gemacht. Mit solchen Fragen setzen wir uns als Editoren auseinander.“

Können Sie uns einen weiteren Einblick in Ihre Arbeitstätigkeit als Herausgeber der Haydn-Gesamtausgabe geben?

Raab: „Ein weiteres editorisches Problem der Schöpfung ist die Generalbassbezifferung [Generalbass: fortlaufende Bassstimme, z.B. durch Orgel, Cembalo]. Haydn hat seine Sinfonien ohne Generalbassbegleitung aufgeführt entgegen eines weit verbreiteten Irrtums. Er hat am Hofe Esterházy nicht etwa vom Cembalo aus das Orchester geleitet, sondern als Konzertmeister mit der Violine in der Hand. In der Kirchenmusik ist es noch lange üblich gewesen, die Generalbassbezifferung zu verwenden; und er hat da wohl auch die Aufführungen von der Orgel aus geleitet. Dort hatte die Generalbassbezifferung bis in die späten Messen Haydns ihren Platz. In der Schöpfung gibt es eine Partitur, in die Haydn eine Generalbassbezifferung nachgetragen hat. Allerdings nur im ersten Teil und in der gedruckten Fassung war sie schon nicht mehr vorhanden. Das heißt, Haydn hat sich offenbar zunächst an die kirchenmusikalische Tradition mit der Generalbassbezifferung gehalten, hat sie von seinem Kopisten so erst abschreiben lassen, sich aber im Laufe des Prozesses entschieden, sie doch weg zu lassen, sodass sie nicht in der Originalausgabe stand. Es stellte sich uns die Frage, wie wir in der Edition damit umgehen und da haben wir uns entschieden, die Generalbassbezifferung für den ersten Teil zu übernehmen und dokumentieren. Mit einem Vermerk wiesen wir auf die besondere Überlieferungssituation und auf die Verwendung des Cembalos als Direktionsinstrument zu Haydns Zeit hin. Es gab bei der Schöpfung und den Jahreszeiten ein Dreierdirigat: Der Konzertmeister leitete das Orchester, der Chordirigent, der auch die Secco-Rezitative [vom Generalbass begleiteter Sprechgesang] gespielt hat, leitete den Chor und Haydn stand in der Mitte und gab den Takt vor – also die Oberleitung. Wir wiesen darauf hin, dass die Generalbassbezifferung nicht heißt, dass das Cembalo die ganze Zeit mitzirpen muss, was man leider bei vielen Aufführungen erlebt.“

 

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Das Interview führten:

Katharina Wildförster

David Rene Steike


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